1. EIFEL NATIONALPARK
NATIONALPARK EIFEL
Nordrhein-Westfalen
Deutschland
Größe: 110 km2
Gegründet: 2004
Besucht: Oktober 2022
Charakter: Relativ ursprüngliche Mittelgebirgslandschaft mit weitläufigen Buchen- und Eichenmischwäldern und eingestreuten Stauseen. Größte Wildkatzenpopulation Mitteleuropas. Ruhige Wandermöglichkeiten.
Der Urft - Stausee in der Kernzone des Nationalparks ist von weiten Buchenwäldern umgeben.
Größe: 4 Highlights: 4 Bedeutung: 5 Wildnis: 3 Service: 9 Öffis: 9
Bewertung: 5,6
Mein Nationalpark: Oktober 2022
Im Triebwagen der Rurtal Bahn sitzen außer mir nur noch 2 weitere Personen: 2 englischsprechende junge Frauen mit Rucksäcken, die den Rurtal Stausee ansteuern. Ab der Station Obermaubach wird die Landschaft richtig hübsch. Das Tal der Rur wird von etlichen steilen Sandsteinfelsen gesäumt, in Nideggen kommt eine eindrucksvolle Burg ins Blickfeld. Der Endbahnhof Heimbach am Rande des Nationalparks ist mein Ziel. Gleich neben dem Bahnhof weist ein großes Schild auf das "Nationalparktor" hin, ein Infozentrum. Leider bin ich zu früh dran, es ist noch geschlossen.
Bald darauf taucht ein Bus auf. Ich will zum "Kermeter", einem angeblich naturbelassenen Höhenzug im Kernbereich. Der Fahrer winkt ab, als ich bezahlen möchte. "Kostet nix". Der Bus windet sich in Kehren die Waldhänge rauf und spuckt mich als einzigen Fahrgast 15 Minuten später an einem Parkplatz mitten im Wald aus.
Die Landschaft erinnert mich sehr an den heimatlichen Wienerwald. Das ist kein Wunder, denn hier wie dort handelt es sich um Laubmischwälder in einem Sandstein-Mittelgebirge. Mit dem Unterschied, dass hier irgendwo im Unterholz die Wildkatze lebt. Noch nie habe ich dieses großartige Tier in freier Wildbahn gesehen.
Das wird leider vermutlich auch so bleiben, denn diese Art ist extrem scheu und hauptsächlich nachtaktiv.
Ich sehe vorerst gar keine Tiere, aber permanent sind die Laute von Vögeln irgendwo in den Bäumen zu hören.
Bald erreiche ich eine Abzweigung. Hier stehen neben einigen Wegweisern auch bemerkenswerte Infotafeln: Die Texte über die Besonderheiten der Flora und Fauna sind auch als Relief in Blindenschrift dargestellt. Ich wende mich nach links, Richtung Urft Stausee. Ein großes Schild weist darauf hin, dass nun ein "besonders gefährlicher Weg" beginnt. Der schmale Pfad ist nicht befestigt, der Wald dichter, sodass etwa bei Sturm die Gefahr von herabstürzenden Ästen besteht. Der "gefährliche Weg" führt sanft durch herbstlich verfärbte Wälder bergab. Hier ist mehrmals zu erkennen, dass der Wald größtenteils sich selbst überlassen bleibt: Umgestürzte Bäume bleiben liegen und bilden als Totholz weiteren Nährstoff für den Boden, außerdem Lebensraum und Versteck für Tiere.
Hier gibt es für Besucher die eiserne Regel, die Wege nicht zu verlassen. Gemäß der Informationstexte der Nationalparkverwaltung sollen hier die "Urwälder von morgen" entstehen.
Ein schönes Konzept, wie ich finde.
Mein Weg führt den Südhang des "Wilden Kermeter" weiter abwärts, und zwischen den Baumstämmen schimmert bereits die Wasserfläche des Urft Stausees durch.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden hier in der nördlichen Eifel zwei benachbarte Flüsse zur Elektrizitätsgewinnung gestaut: Die Rur bei Heimbach und die Urft. Von der Staumauer der Urfttalsperre wurde damals ein 2,7 km langer Druckstollen unter dem Kermeter durch bis zum Kraftwerk Heimbach getrieben. Heute bilden diese künstlichen Seen einen wichtigen Bestandteil des Landschaftsbildes.
Vom Ufer des Urft Stausees geht der Blick in Richtung Südosten über die Buchenwälder hinweg bis zu einem in der Ferne aufragendem Turm. Dieser ist ein Teil der NS- Ordensburg Vogelsang. Es handelt sich um eine von den Nationalsozialisten in den Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts betriebene Kaderschule der NSDAP. Seit einigen Jahren kann man dort ein NS-Dokumentationszentrum besuchen.
Einige Stunden später stehe ich auf einer Anhöhe wenige Kilometer weiter westlich: Der Hirschley Aussichtspunkt. Von hier hat man einen schönen Blick auf den knapp 200 Höhenmeter tiefer liegenden Stausee der Rurtalsperre.
Ich treffe erstmals auf andere Wanderer, die neben mir ebenfalls den Ausblick genießen. Es ist eine freundliche Pensionistengruppe aus Nordrhein-Westfalen, die immer wieder mal hier gemeinsam wandert.
"Für Sie als Österreicher kann das aber doch nichts Besonderes sein"...
Stimmt schon, aber ein bisschen vielleicht doch...
Am Rurtalstausee gibt es einen regen touristischen Betrieb mit Ausflugsschiffen, Bootsverleih und Restaurants.
Das ist ok. Genau genommen befindet sich der Stausee bereits außerhalb der Nationalpark-Grenzen.
Mir bleibt mein Weg zurück. Das sind zuerst einige Kilometer wieder am Rücken des Kermeter nach Osten und dann auf sanft abfallenden Wanderwegen in Richtung Heimbach. Viele Pilze und große Farne wachsen neben dem Weg, an einigen Stellen tritt als Muttergestein schön geschichteter Buntsandstein hervor - neuerlich ein Wienerwald - DeJa'Vu.
An der gewaltigen Staumauer der Talsperre überquere ich die Rur und gelange zur Strasse nach Heimbach.
Der öffentliche Verkehr ist hier rund um den Park eigentlich gut ausgebaut, bloß jetzt am Nachmittag scheinen die Intervalle der Busse eher weitläufiger auszufallen. Ich beschließe, noch die letzten fünf Kilometer bis zum Heimbacher Bahnhof zu Fuß zu gehen. So erlebe ich beim Wandern noch den schönen Blick über das Rurtal gegen Heimbach. Vor der Abfahrt meines Zuges geht sich auch noch ein Abstecher ins rührige Infozentrum "Nationalparktor Heimbach" aus.
Öffentliche Anbindung:
Im Kölner Hauptbahnhof besteigt man einen der vielen Regionalzugverbindungen nach Düren - eine Kreisstadt etwa in der Mitte zwischen Köln und Aachen. Dort startet die Rurtalbahn mit modernen Triebwägen. Der Endpunkt Heimbach ist ein guter Startpunkt, aber bereits vorher kann man etwa in Nideggen aussteigen und die anders geartete Landschaft des nördlichsten Nationalpark-Bereichs mit seinen eindrucksvollen Buntsandsteinfelsen erkunden.
Von Heimbach aus starten einige Buslinien, die verschiedene Ausgangspunkte für Wanderungen anfahren, etwa den Kermeter, den Rurtalstausee oder das Kloster Mariawald. Im Osten des Parks ist der DB-Bahnhof Kall ebenfalls von Köln aus erreichbar, von hier fahren Busse nach Gemünd mit einem weiteren Nationalparktor oder weiter bis zur NS Ordensburg Vogelsang.
Das Gebiet:
Der Nationalpark Eifel mit seinen 110 km2 umfasst nur den nordwestlichsten Teil der Eifel. Das gesamte Mittelgebirge ist über 5300 km2 groß und reicht im Süden bis nach Trier an der Mosel.
Es beinhaltet weitere Schutzgebiete wie die Naturparks Süd-, Nord, - und Rheineifel und den Natur- und Geopark Vulkaneifel mit teilweise völlig anderen Landschaftsbildern.
Der Nationalpark selbst setzt sich im Westen mit dem Moor- und Heideschutzgebiet des Hohen Venn
bis in die nahen belgischen Ardennen fort.
Die Eifel ist ein typisches deutsches Mittelgebirge. Das Gebiet galt lange als abgelegen und rückständig.
Heute erkennt man seinen ökologischen und touristischen Wert. Rund um den Nationalpark finden sich besuchenswerte kleine Orte wie Heimbach im nördlichen oder den Fachwerkort Monschau im westlichen Teil des Schutzgebiets.
Geologie, Flora und Fauna:
Die Eifel ist Teil des linksrheinischen Schiefergebirges, das sich gegen Westen bis in die Ardennen fortsetzt. Das Schiefergestein an der Basis ist im Nationalparkbereich jedoch nicht an der Oberfläche anzutreffen. Das aufliegende Sediment Buntsandstein, das im Devon vor ungefähr 400 Millionen Jahren abgelagert wurde, bildet jedoch vor allem im Norden des Parks im Rurtal zwischen Untermaubach und Hausen bei Heimbach beeindruckende Felsbildungen.
Noch im Mittelalter bedeckten dichte Laubmischwälder viele deutsche Mittelgebirge. Vor allem weitläufige Buchenbestände, durchsetzt von Eichenwäldchen, begründeten den Ruf des "deutschen Waldes". Im Nationalpark versucht man nun, die Reste genau dieser Waldgesellschaft zu schützen.
Manchmal geht man darüber hinaus: Nach massiven Abholzungen seit der Neuzeit begann man im 19. Jahrhundert damit, großflächige Aufforstungen mit genügsamen, schnellwachsenden Baumarten durchzuführen, vor allem mit Fichten. Deshalb werden mancherorts gezielt ehemalige Fichten-Monokulturen entfernt, um den standorttypischen Buchenmischwald zu stärken. Wie erwähnt ist ein wichtiger Teil des Konzepts, langfristig den Wald wieder zum Urwald werden zu lassen.
Als Bodenwuchs finden sich viele, teils sehr große Farne. Eine Besonderheit am nordwestlichen Rand des Schutzgebiets ist die Gelbe Wildnarzisse. Vor allem rund um den Ort Monschau bieten die Narzissenbestände zwischen März und Mai ein Naturschauspiel.
Der unbestrittene Star der Eifelfauna ist die nacht- und dämmerungsaktive Europäische Wildkatze. Man schätzt den Bestand im Nationalpark auf ungefähr 50 Tiere. Zusammen mit den Wildkatzen des westlich angrenzenden belgischen Ardennengebiets bilden sie den größten zusammenhängenden Bestand in Mitteleuropa. An großen Säugetierarten kommen weiters Rotwild (Hirsche und Rehe), Wildschweine und Füchse vor. Außerdem ist der Uhu hier zu Hause. Bei meinem Nationalpark-Besuch erspähte ich einen Feuersalamander, mehrere Vögel und ein Eichhörnchen. Nicht so übel für einen Wandertag.
Service und Infrastruktur:
Die Infrastruktur für Wanderer und Naturinteressierte ist im Nationalpark Eifel perfekt ausgebaut. Ein dichtes Netz an Wanderwegen wird von Wegweisern, Infotafeln und Rastpunkten begleitet. Gerade am Wilden Kermeter geht das Angebot so weit, dass einige Wege barrierefrei und stufenfrei auch Menschen mit Einschränkungen offenstehen. Reliefartig erhöhte Beschriftungen auf Hinweistafeln entlang der Wege erklären die verschiedenen ökologischen Zusammenhänge in Blindenschrift.
Im Besucherzentrum Forum Vogelsang sowie in insgesamt 4 Nationalpark-Toren werden Ausstellungen und Informationen angeboten. Auch Rangertouren stehen mehrmals die Woche
am Programm.
info@nationalpark-eifel.de
Das Rurtal bei Heimbach
Sehr gelungen!!! Interessant zu lesen, gut platzierte und schöne Bilder. (Wenn auch ohne Wildkatzen)Freu mich auf den nächsten Blog.
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