50. NATIONALPARK CALANQUES , FRANKREICH
Parc National des Calanques , Region Provence-Alpes-Cote d Azur , Frankreich
Größe: 520 km2Gegründet: 2012Besucht: Januar 2026
| Zentraler Abschnitt der Calanques - Küste |
Charakteristik: Schroffer Küstenstrich in unmittelbarer Nähe der Millionenstadt Marseille. Namensgebend sind die sogenannten "Calanques", fjordartige Meeresbuchten, welche oft tief in das Küstengebirge hineinreichen. Auch das Hinterland des Nationalparks ist reizvoll und ein Netz von markierten Wegen macht das Gebiet vor allem in der Nebensaison zum mediterranen Wanderparadies.
| Beim Wandern bieten sich immer wieder Tiefblicke in die Calanques, hier in die Calanque d'En-vau |
Mein Nationalpark (Januar 2026): Man hat eher selten die Möglichkeit, mit dem städtischen Bus in einen Nationalpark zu fahren. Doch hier funktioniert das, ich steige an der Endstelle der Buslinie 22 bei den letzten Häusern der Millionenstadt Marseille aus dem Fahrzeug. Kurz darauf prangen am Waldrand das
Willkommensschild der Parkverwaltung und das erste von vielen Verbotsschildern: Kein Verlassen der Wege, kein Zelten, kein Blumenpflücken und vor allem: keinerlei offenes Feuer. Aus gutem Grund, ab dem Frühsommer brennen hier in Südfrankreich regelmäßig die Wälder.
Eigentlich wollte ich im äußersten Westen Europas durch den portugiesischen Nationalpark Peneda-Geres wandern. Dann tauchten plötzlich die Nachrichten über die von Sturmtief "Leonardo" verursachten Unwetter mit Starkregen und Überschwemmungen auf. Dass ich mich für den Nationalpark Calanques als Ausweichziel entschieden habe, war nicht zuletzt den günstigen Wettervorhersagen für die nächsten Tage geschuldet. In der Tat scheint die Sonne mit warmen 13 Grad, das ist durchaus annehmbar für den 29. Januar.
Sonst erwarte ich mir nicht allzu viel von diesem eher unbekannten Schutzgebiet dicht neben der bevölkerungsreichen Hauptstadt der Provence.
Doch dann das: Nach dem Erklimmen der ersten Anhöhe liegt der Calanque de Sormiou unter mir, ein türkisfarbener, felsengesäumter Fjord, dahinter ragt im leichten Dunst der der Archipel de Riou aus dem Meer. Der Weg führt weiter mit unglaublichen Ausblicken entlang der Bergkante. In der Gegenrichtung schimmert zum Greifen nah das Häusermeer von Marseille. Heute sind durchaus einige Wanderer unterwegs. Auffallend ist die allgemeine Höflichkeit, ohne ein lautes "Bonjour" geht niemand vorüber.
Nach einer Weile steht man vor einer Verzweigung an der spitz zulaufenden Halbinsel "La Triperie" mit der gleichnamigen Calanque. Hier gibt es eine berühmte Höhle, welche allerdings versperrt und außerdem nur Tauchern zugänglich ist, ihr Eingang liegt nämlich 37 m unter dem Meeresspiegel. Im Jahr 1985 erkundete ein
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| Grotte Cosquer (Bild: Internet) |
Team französischer Taucher den Eingang und gelangte in einen höher gelegenen Trockenbereich. Was sie in der "Grotte Cosquer" fanden, stellte sich als eine der bedeutendsten Fundstellen prähistorischer Höhlenmalerei heraus. Zahlreiche prächtig erhaltene Bilder von Jagdwild wie Wisenten, Pferden und Robben sowie Handnegative bedecken die Höhlenwände. Die Eiszeitkunst wird auf ein Alter von 19000 bis 27000 Jahren geschätzt. Damals lag der Spiegel des Mittelmeers noch deutlich tiefer und der Eingang war zugänglich. 1991 kam es zu einem tödlichen Unfall, als sich 3 Höhlentaucher im wassererfüllten Labyrinth heillos verirrten und starben.
Mehrere Schilder auf der Halbinsel weisen darauf hin, das diese zwischen Dezember und Juni nicht betreten werden soll, um die Brutplätze des Habichtadlers nicht zu stören. Das ist natürlich zu respektieren.
| Das Hinterland mit dem Mont Pugon |
Ein steiler Weg führt vom Joch zum nördlichen Fjord hinunter, der "Calanque de Morgiou". Hier stehen vereinzelte Gebäude am Wasser, die auf Schildern angekündigte Bar ist leider in der Nebensaison geschlossen. Im Osten ragt direkt am Steilabbruch zum Meer eine markante Felsnase empor, der Mont Pugon, der sich auf steilen Pfaden erklimmen lässt. 90 Minuten später stehe ich oben und erfreue mich an einer fantastischen Rundumsicht.
Im östlichen Teil der Calanques: Nach nur 20 Minuten Bahnfahrt von Marseille erreiche ich am nächsten Morgen die Stadt Cassis. Gottlob gibt es einen lokalen Busservice, der Bahnhof liegt 5 km oberhalb des Ortes. Dennoch braucht es eine Stunde Fußmarsch durch die Randsiedlungen bis zum Parkeingang.
| Calanque de Port Miou |
Eine langsame Bewegung im Augenwinkel macht mich auf einen Vertreter der hiesigen Fauna aufmerksam. Ist das eine Raupe oder ein Tausendfüßer? Nein, nicht einer, fast ein Dutzend tummelt sich auf dieser Geröllhalde, warum auch immer. Die Kerle sind buschig, fingerdick und manche fast 25 cm lang. Ich konnte sie leider später auch mit Internet-Unterstützung nicht bestimmen. Vielleicht weiß es ja eine(r) von euch.
| Senkrechte Wandabstürze am Calanque d`en-Vau |
Nach den nächsten beiden Calanques ( de l`Oule und de l`Eissadon) muss ich umkehren, die Tage sind noch kurz um diese Jahreszeit. Der Vorbeimarsch hoch über dem Calanque d`en-Vau ist noch sehr eindrucksvoll, man kann den fjordartigen Charakter der Calanques gut erkennen. Senkrecht fallen die Kalkstein-Felsen zum Meer ab. Jenseits der Bucht von Cassis setzt sich der Nationalpark mit den "Falaises de Cassis" noch ein Stück gegen Osten fort, als letzter bleibender Eindruck dieses wilden Landstrichs im Süden Frankreichs.
| Falaises de Cassis |
Meine Bewertung
Größe : 7
Bedeutung/Naturschutz: 8
Highlights: 8
Wildnis-Feeling: 6
Service: 5
Öffis: 8
Meine Bewertung: 7 , 0
ROTSCHLAMM VOR DEN CALANQUES - eine Jahrzehnte lang andauernde UmweltsündeFelsen, Bäume, Meer. Keinerlei Straßen, unverbaute Küsten, Rückzugsort für gefährdete Arten.
Für den Besucher erscheint das Gebiet des heutigen Nationalparks als wahre Naturoase. Und doch wurde (wird?) ausgerechnet hier der Lebensraum Mittelmeer in unfassbarer Weise verdreckt. Uran238, Quecksilber, Nickel, Blei, Quecksilber - das sind nur einige der giftigen
Bestandteile des sogenannten "Rotschlamms", der bei der Aluminium-Herstellung anfällt. Dieses Metall wird vom ALTEA Konzern in Garbanne nördlich von Marseille hergestellt und mit Dulden der Behörden wurde der Rotschlamm seit 1966 (!) durch eine 47km lange Rohrleitung nahezu ungefiltert in einen Tiefseegraben vor Cassis gepumpt. Von 1966 bis 2016 hatten sich dort bereits fast 30 Millionen Tonnen giftigen Materials angesammelt (LeMonde Diplomathique 9/2015), während Ökologen, Umwelt-NGOs, Regierungsstellen und die Europäische Kommission mit den Betreibern erfolglos um eine Lösung rangen. Noch 2015 wurde dem Unternehmen eine Genehmigung zur weiteren Einleitung erteilt, obwohl damals der Nationalpark bereits seit 3 Jahren eingerichtet war. Heftige Proteste führten in der Folge zu Auflagen wie Aufspaltung und Reinigung. Die Abfälle fließen nach wie vor ins Meer vor den Calanques, doch angeblich werden mittlerweile "nationale und europäische Normen" durch die Einrichtung neuer Behandlungsstufen erfüllt.



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