52. NATIONALPARK KURISCHE NEHRUNG , LITAUEN
NATIONALPARK KURISCHE NEHRUNG, KLAIPEDA , LITAUEN
Größe: 264 km2
Gegründet: 1991
Besucht: März 2026
Charakteristik : Die Kurische Nehrung ist eine der eigenartigsten Naturlandschaften Europas. Es handelt sich um eine 2 - 3 km schmale, 98 km lange und aus Flugsanden aufgebaute Landzunge in der Ostsee, die in der russischen Exklave Kaliningrad ihren Anfang nimmt und vor der litauischen Küste bei Klaipeda endet. Der nördliche Teil gehört zu Litauen, der südliche zu Russland. Die bis zu 60 m hohen Dünen sind größtenteils dicht mit Kiefernwäldern bewachsen, an einigen Stellen liegen mächtige Sandflächen frei. "Die Kurische Nehrung ist so merkwürdig, dass man sie ebenso gut wie Spanien oder Italien gesehen haben muss, wenn einem nicht ein wunderbares Bild in der Seele fehlen soll..." schrieb Wilhelm von Humboldt über diese Landschaft.
Mein Nationalpark: Innerhalb des Stadtgebietes von Klaipeda existieren zwei Fähren, die das litauische Festland mit der Kurischen Nehrung verbinden. Ich benütze die südliche, deren Ableger sich im Industriehafen nur 300 m entfernt von meinem Hotel befindet. Die Fahrt über das Haff dauert wenige Minuten. Der Fährbedienstete schickt mich als einzigen Fußpassagier vor den wenigen Autos über die Rampe ans Ufer. Ich sehe mich ein wenig ratlos um. Mit so viel Schnee hatte ich nicht gerechnet. Am bezeichneten Wanderweg quer über die Nehrung ans Ufer der Ostsee liegt er einen halben Meter hoch, ist aber so hart gefroren, dass man während des Gehens nicht einsinkt. Ich mache mir bewusst, dass diese Hügel tatsächlich nur Sanddünen sind, auf denen dichter Kiefernwald wächst. Das war nicht immer so. Über mehr als ein Jahrhundert lagen die Sandhügel frei, der Wind ließ die Dünen wandern und so auch Ansiedlungen der frühen Fischer verschütten. Ein Beispiel dafür sind die sogenannten "Toten Dünen" 30 km weiter südlich , unter deren Sandmassen die Reste eines
abgesiedelten Dorfes liegen. Im 19. Jahrhundert begann man mit der dichten Bepflanzung durch Kiefernwälder, welche heute das stabile Grundgerüst der Nehrung bilden.
Der Blick auf die Ostsee wird vorerst durch eine letzte durchgehende Dünenreihe verwehrt, hölzerne
Stiegenkonstruktionen führen darüber hinweg. Auf der Kuppe bietet sich ein imposanter Anblick. Die Ostseewellen rollen gegen einen schier endlosen, schnurgeraden Sandstrand. Der Sand der Dünen ist gefroren und manchmal schneebedeckt, am Strand selbst glitzern Eiskristalle. Im Norden sind in der Ferne gerade noch einige Hochhäuser der Stadt Kleipeda zu erkennen. Ich wandere am gefrorenen Strand in Richtung Süden, langsam bekommt die Sonne mehr Kraft. Es geht sich hier wie auf Asphalt, vereinzelt müssen kleine Gezeitentümpel umstiegen werden. Volle zwei Stunden ändert sich nichts am Bild, das sich mir beim Dahinschlendern bietet. Rechts die durch den Wind aufgepeitschte Ostsee, links die Dünen und dahinter der verschneite Kiefernwald. Am Horizont ragen Holzstücke aus der glatten Sandfläche, die sich beim Näherkommen als die Reste eines alten Fischerbootes entpuppt. Ein Kormoran hatte sich darauf niedergelassen und entfernt sich bei meiner Annäherung. Hier wird die Ausdehnung der Nehrung deutlich. 40 weitere Kilometer an diesem Strand entlang würde ich auf die russische Grenze stoßen, genauer gesagt auf jene der Exklave Kaliningrad. Dort nimmt ein russischer Nationalpark gleichen Namens seinen Anfang, um nach weiteren 50 km am Ansatz der riesigen Landzunge ein Stück nördlich der Stadt Kaliningrad zu enden.
Sogar jetzt während des Winters lassen sich mir dem Bus auch die weiter südlich gelegenen Bereiche des Nationalparks erkunden. Beim kleinen Dorf Jugdkrante steige ich aus, weil ich eine Route aus dem
Wanderführer ausprobieren möchte. Zuerst geht es ein Stück am Ufer des Kurischen Haffs entlang. Diese sackförmige, durch die Nehrung abgetrennte Ostseebucht besitzt einen deutlichen geringeren Salzgehalt und ist nun Anfang März noch zugefroren. Ganz am Horizont erkennt man einen schmalen Streifen litauischen Festlands.
| Am Haff bei Jugdkrante |
Ein Stück weiter passiere ich die "Gintaro ljanka", die kleine runde "Bernsteinbucht". Hier fanden Arbeiter um 1850 bei Baggerarbeiten Bernstein im Schlamm des Haffufers, womit ein wahrer Boom begann. Eine eigene Firma wurde gegründet und zwischen 1860 und 1890 jährlich 75000 kg Bernstein aus der Bucht geholt. Dann versiegten die Bestände und der Zauber war schnell vorbei.
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| Keine Aussicht vom Blocksberg |
Ich stapfe noch weiter bis zur Ostseeseite. Hier sieht es genauso aus wie 20 km weiter nördlich, wo ich gestern gewesen war - ein gefrorener Strand vor verschneiten Wäldern, hier allerdings mit einer Gruppe Strandspaziergänger samt Hund. Sie winken mich zu sich und spendieren einen Becher heißen Kaffee aus der Thermoskanne. Es sind Ausflügler aus Klaipeda. Ich solle doch während des Sommers kommen, da wäre es viel schöner. Diesen Satz höre ich oft, wenn ich einen Nationalpark im Winter besuche, aber speziell hier entfaltet diese Jahreszeit für mich ihren besonderen Reiz.
Zurück in Jugdkrante erwische ich mit Glück einen der kleinen Busse, welche die Nehrung rauf und runter bedienen, und fahre weiter Richtung Süden bis zum Dorf Nida (deutsch: Nidden).Es ist der Hauptort des Litauischen Nationalparks, nur mehr wenige Kilometer oberhalb der russischen Grenze. Im Umland gibt es große Dünenhügel mit nur spärlichem Bewuchs, die an eine Wüste erinnern. Hier liegt fast kein Schnee mehr, doch der Boden ist noch gefroren. Die meisten Dünenbereiche sind abgesperrt und aus Schutzgründen nicht zugänglich, dennoch bieten die Sandflächen einen eindrucksvollen Anblick. Mir bleibt noch ein wenig Zeit, um einen Blick auf das ehemalige Sommerhaus von Thomas Mann zu werfen. Der Nobelpreisträger und berühmteste Schriftsteller der Weimarer Republik entdeckte die Kurische Nehrung im Jahr 1929 nach einer Lesung in Königsberg (heute Kaliningrad), das damals zu Ostpreußen gehörte. Er war von der Gegend begeistert, ließ sich in der Folge ein Sommerhaus mit Blick auf das südliche Haff bauen und verbrachte hier von 1930 bis 1932 drei Sommer mit seiner Familie. Hier entstand unter anderem sein Essay "Mein Sommerhaus" und hier prägte er den Begriff "Sahara des Nordens". Im Jahr 1933 flüchtete die Familie Mann vor den Nationalsozialisten in die Schweiz und kehrte nie wieder nach Nidden zurück.
Bewertung:
Größe: 6
Bedeutung/Naturschutz: 6
Highlights: 7
Wildnis-Feeling: 3
Service: 6
Öffis: 8
Meine Bewertung: 6 , 0
Das Gebiet: Entstanden ist diese eigentümliche Naturlandschaft erst in den letzten 8000 Jahren. Nach dem Ende der letzten Eiszeit und dem Ansteigen des Meeresspiegels ragten vor der heutigen litauischen Küste noch Reste einiger Moränenhügel über die Meeresoberfläche. An diesen blieb der Flugsand haften, den starke Westwinde herantrieben und sammelten sich im Laufe von Jahrtausenden zu einer Sandbank an, der heutigen Kurischen Nehrung. Ursprünglich mit Nadelwäldern bestanden, kam es durch den Deutschen Orden und im Nordischen Krieg zu umfangreichen Rodungen. Die Entwaldung begünstigte Dünenbewegungen, welche die Siedlungen der ansässigen Fischer bedrohten. Der heutige dichte Bestand mit Kiefern ist ein Ergebnis umfangreicher Aufforstungen im 19. Jahrhundert.
| Gezeitentümpel der Ostsee bei Nida |
Service und Öffis: Während der Sommermonate blüht der Tourismus , neben dem endlosen Ostseestrand ist das Gebiet vor allem ein Paradies für Radfahrer, welche es gerne flach haben. Ein Netz von Radwegen überzieht die Nehrung, in Klaipeda gibt es auch einige Fahrradvermietungen.
Dieser Nationalpark ist sehr gut öffentlich erreichbar. Bahnenthusiasten können Klaipeda, Litauens drittgrößte Stadt und Ausgangspunkt zur Kurischen Nehrung, von Wien aus in knapp 24 h mit mehrmaligem Umsteigen in Warschau, Mockava, Kaunas und Sialiuai erreichen. Mit den häufig verkehrenden Fähren ist die Nehrung rasch erreicht, die Fortbewegung dort übernehmen ganzjährig verkehrende Busse.





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