53. HISTORISCHER NATIONALPARK TRAKAI , LITAUEN

 

Die Inselburg Trakai bildet das Herz des Historischen Nationalparks




















Größe:   82 km2
Gegründet:   1992
Besucht:   März 2026
Die vielen Wasserflächen des Nationalparks sind Anfang März noch gefroren






Charakteristik:  Nur 20 km westlich der litauischen Hauptstadt Vilnius liegt der einzige so definierte "Historische Nationalpark" Europas. Der Ort Trakai mit der gleichnamigen Inselburg war im 14.Jahrhundert für einige Jahre die Hauptstadt des Großfürstentums Litauen und gilt als Keimzelle des litauischen Staates. Abseits des historischen Kontextes beherbergt der Park unspektakuläre, aber hübsche Landschaften mit Wäldern, Mooren und vielen Seen. 


Mein Nationalpark (März 2026):  Ich bin endlich mal wieder mit meiner älteren Tochter in einem Nationalpark unterwegs. Judith hatte diese Woche beruflich in Vilnius zu tun und für diesen Ausflug ihren Aufenthalt auf das Wochenende ausgedehnt. Trakai erwartet uns nach halbstündiger Zugfahrt aus der Hauptstadt mit viel Schnee, zugefrorenen Seen und blauem Himmel. Auf der Eisdecke des Galve, des größten Sees im Schutzgebiet, sind viele Leute unterwegs, ganze Familien überqueren ihn und Kinder mit Tretautos düsen auf der Eisfläche herum. Das erscheint uns anfangs etwas leichtsinnig, so fest wirkt das Eis absolut nicht. Später werden wir etwas mutiger und trauen uns auch auf den gefrorenen See, ein kleines Stück weit zumindest. Eine Vielzahl schmaler Straßen und bezeichneter Wege führt im Osten des Nationalparks durch ausgedehnte 
Mischwälder, die vielen weißen Birkenstämme verleihen dem Gebiet ein nordisches Gepräge. Im Waldgebiet "Varnikai" östlich des Galve-Sees entdeckt Judith ein Hinweisschild mit der Beschriftung: "Holokausto auku Kapai". Wir machen uns auf die Suche, leider vergeblich. Es taucht kein Holocaust-Denkmal auf und keine weiteren Hinweisschilder sind zu finden. Erst später zuhause werde ich durch Internet-Recherche herausfinden, um was es hier geht. Auf der Webseite der Gedenkstätte Yad Vashem in Israel sind sogar viele Namen der Opfer angeführt. Am 30. September 1941 geschah hier im Wald von Varnikai eines der schlimmsten Einzelmassaker während der nationalsozialistischen Besetzung Litauens. 1446 jüdische Menschen - 366 Männer, 483 Frauen und 597 Kinder- wurden durch ein "Sonderkommando" mit Hilfe litauischer Kollaborateure erschossen und verscharrt. 
Ich hege für mich den Verdacht, dass dieses grauenhafte Ereignis beim "Historischen Nationalpark" nicht unbedingt mit-gemeint ist, ansonsten wäre wohl die Beschilderung zu dieser Gedenkstätte besser...
Polnischer Friedhof bei Varnikai, Nationalpark Trakai


Stattdessen stoßen wir auf einen sehr romantischen Friedhof mitten im Wald. Es sind ausschließlich Grabsteine mit polnischen Namen zu finden, die Sterbedaten reichen von 1850 bis heute. Im Süden Litauens ist nach wie vor eine große polnische Minderheit zu Hause.
So ist das eben hier in diesem sehr speziellen Nationalpark mit seiner zwar hübschen, aber an Besonderheiten und Dramatik überschaubaren Natur. Es steht eindeutig die Historie im Mittelpunkt, wie bereits in der Bezeichnung erkennbar ist. Wir wandern an einem zugeschneiten Moorgebiet mit 
Schneebedeckter Moorsee bei Varnikai
Erklärungstafel (ein wenig Natur) vorbei zu einem prähistorischen Grabhügel aus der Bronzezeit (Historie), entlang am Ufer des Galve-Sees mit seinen im Eis steckenden Segelbooten und Ausflugsschiffen (Tourismus) zur eindrucksvollen Inselburg Trakai (Historie). Auf der schmalen Holzbrücke und im Burghof drängen sich die Menschen. Es handelt sich um eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Litauens. Die erste Burg wurde im 14. Jahrhundert zur Zeit der Hochblüte des Großfürstentums Litauen erbaut, das aktuelle Gebäude hat seine Form allerdings erst seit Beginn des 20.Jahrhunderts. 
Die Inselburg Trakai als historisches Zentrum Litauens




Das 4000 Einwohner zählende Städtchen Trakai ist auch die Heimat einer weithin unbekannten Minderheit, der "Karäer". So wird eine jüdische Sekte bezeichnet, deren Angehörige jedoch keine Semiten sind, sondern einem Turkvolk entstammen, das irgendwann im frühen Mittelalter, wahrscheinlich auf der Krim, zum Judentum konvertiert ist. Ihre Abstammung verschonte sie weitgehend von der Verfolgung durch die Nazis. Die Karäer stellen sich gegen das rabbinische Judentum und den Talmud und orientieren sich ausschließlich an der Thora. Ende des 14. Jahrhunderts holte ein litauischer Großfürst karaimische Soldatenfamilien als Burgwachen von der Krim nach Trakai. Die Mehrzahl ihrer letzten Nachkommen lebt bis heute hier. 
Nach einem ausgezeichneten karaimischem Mittagessen ("Kibinai" = gefüllte Teigtaschen) schlendern wir entlang der Hauptstraße von Trakai  zum "Karäer-Museum". Dieses ist in einem kleinen 
Im Karäer-Museum
Häuschen untergebracht und besteht nur aus drei nicht allzu großen Räumen. Der einzigen Museumswärterin scheint diese Tatsache etwas peinlich zu sein. Sie spricht zwar kein Englisch, dafür einige Wörter deutsch und erzählt uns beflissen Geschichten zu beinahe jedem einzelnen Objekt: Trachten, alte Kochutensilien für die typischen Teigtaschen, religiöse Utensilien, alte Fotos. Eine neue Aufnahme zeigt ein Gruppenbild eines Karäer-Treffens in Trakai mit Menschen aus Litauen, Polen und der Ukraine. "Das sind fast alle, die noch übrig sind" meint die Dame in gebrochenem Deutsch. Am Foto schauen knapp 300 Leute in die Kamera. Ich frage sie, ob sie selbst auch der karäischen Volksgruppe angehört. Sie verneint und zeigt auf ihr blondes Haar. "Die sind alle dunkel!" 
Am frühen Abend steigen wir etwas nachdenklich wieder in den Lokalzug nach Vilnius. Ein eigenartiger, aber beindruckender Ort, der sich eigentlich gar nicht wie ein üblicher Nationalpark anfühlt. 
Alte karäische Holzhäuser entlang der Hauptstraße von Trakai









Bewertung:

Größe:   4
Bedeutung/Naturschutz:   3
Highlights:   7
Wildnis - Feeling:   2
Service:   7
Öffis:   9

Meine Bewertung:   5 , 3

Fußgängerbrücke über den Galve


Das Gebiet:  Das flache bis sanfthügelige Gelände ist großteils waldbestanden. Es handelt sich um Mischwälder aus Fichten, Waldkiefern und Birken. Einen guten Teil der Fläche nehmen zahlreiche Seen ein, die größten sind Galve, Akmena und Skaistis. Wie überall im Land streifen auch hier vereinzelt Wölfe und Elche durch die Landschaft. Die Highlights werden jedoch durch geschichtliche Hinterlassenschaften gebildet, etwa die mächtige Wasserburg Trakai, die Reste der Karäer-Gemeinschaft und einige prähistorische Grabhügel. 
Service und Öffentliche Anbindung:  Trakai ist ein beliebtes Touristenziel und bietet entsprechend gute Infrastruktur: Unterkünfte, Restaurants,  Supermarkt, Wassersport im Sommer und einige  Museen. Durch den Park verlaufen viele Wanderwege, immer wieder führen schmale Fußgängerbrücken über die Wasserflächen. 
5 mal täglich kann der Nationalpark von Vilnius aus durch eine Nebenlinie der Litauischen Staatsbahn erreicht werden, die hier in Trakai ihre Endstelle hat.  
Das prähistorische Hügelgrab bei Varnikai dient im Winter als Rodelhügel



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