59. NATIONALPARK SKADAR-SEE MONTENEGRO

 
Größe:   400 km2
Gegründet:   1983
Besucht:   Oktober 2026




Charakteristik:   Dieser von grünen Karsthügeln umstandene größte See Südeuropas, umgeben von dichten Schilfgürteln und über weite Flächen von Seerosenfeldern bedeckt, bildet ein beinahe exotisch anmutendes Naturparadies im äußersten Süden Montenegros. Unter den über 280 hier heimischen Vogelarten findet sich eine stabile Population von seltenen Krauskopfpelikanen, die sich neben Eisvögeln, Reihern und tausenden Kormoranen gut in einem gemieteten  Kajak aufspüren lassen. 























Prolog (Oktober 2026): 
Die Anreise mit dem Nachtzug vom hypermodernen Bahnhof der serbischen Hauptstadt Belgrad nach Montenegro bietet Einblicke sowohl in eine fremde Welt als auch in eine andere Zeit. Das Wagenmaterial hat gefühlt bereits Marschall Tito als jungen Partisanen gesehen. Die Sitze sind bequem, aber durchgesessen, die Fenster halb blind und über die Klos will ich nicht sprechen. Über allem liegt ein eindringlicher Geruch, den ich erst nach einer Weile zuordnen kann. Es ist der Gestank nach abgestandenem Zigarettenrauch, der tief in die Polstersitze eingesunken ist. Das junge Mädchen neben mir bittet mich, ihr beim Verstauen ihrer vielen schweren und prall gefüllten Plastiktaschen zu helfen. Meine Frage nach Steckdosen oder WLAN beantwortet sie mit einem herzlichen Lachen. Der Wagen füllt sich und ruckelt los. Während des Sommers fährt noch ein weiteres Zugpaar am hellen Tag und bietet damit dem Reisenden eine der schönsten Bahnpanoramen Europas durch die Berge Nord-Montenegros. Ich döse ein und werde durch lautes Geschrei geweckt. Ein zorniger junger Mann läuft durch den Waggon und stößt dabei wütende Wort-Salven hervor. Ich verstehe lediglich das sich ständig wiederholende Wort "Kosovo!" Die anderen Passagiere bleiben völlig gelassen und so entspanne ich mich ebenfalls. Gegen Mitternacht passiert der Zug die Grenze. Wie immer stempeln die serbischen Beamten verbissen meinen Reisepass, während die Montenegriner nur einen flüchtigen Blick darauf werfen, ehe der Zug weiter ruckelt.  Im Widerschein der erleuchteten Fenster sind steile Berghänge und Felswände zu erahnen. Ich muss aufs Klo. Hinter der unverschlossenen Tür sitzt mein Kosovo-Aktivist auf dem Klodeckel, raucht eine Zigarette und starrt mich herausfordernd an. Wie gesagt: eine andere Welt.
Der Bahnhof in Podgorica zeigt noch den Charme des ehemaligen Jugoslawien











Mein Nationalpark (Oktober 2026) :  Der Mitarbeiter des Bootsverleihs schiebt das Kajak mitsamt meiner Person rücklings in den See. Dabei schwappt Wasser herein und binnen Sekunden ist mein Hosenboden nass. Kein idealer Start. Dafür erweist sich das Kunststoffboot als überraschend wendig und leicht zu steuern. Im wasserfesten Seesack, der zur Leihausrüstung gehört, stecken Fernglas, Kamera und mein Kosmos-Vogelführer. Der Skadarsee zählt laut den einschlägigen Internet-Seiten zu den
ergiebigsten birding-hotspots Europas. Das bewahrheitet sich bereits im 1 km langen Zufahrtskanal vom Bootshafen in Virpazar zum offenen See. Binnen weniger Minuten, nachdem ich die alte Bogenbrücke unterquert habe, sehe ich 5 (!) Eisvögel, die dicht über dem Wasserspiegel dahinflitzen. Dichtes Röhricht wächst am Rand. Auf einem aus dem Wasser ragenden Baumstumpf sitzen dicht an dicht mehrere Kormorane. Weit über 10.000 dieser Tiere sollen hier am Skadarsee leben. Knapp vor dem Beginn der offenen Seefläche erblicke ich das holländische Pärchen. welches gemeinsam mit mir das obligatorische Briefing durchlaufen hat, auf einer Uferbank stehen. Sie haben ebenfalls nasse Hosen und lassen das eingeschwappte Wasser aus ihrem Kajak auslaufen - eine durchaus nachahmenswerte Idee.










Eine Besonderheit dieses Balkansees sind riesige Areale von Seerosenfeldern, welche große Teile der Wasserfläche bedecken. Obwohl die Seerosen zu dieser Jahreszeit nicht blühen, bietet das Blättermeer einen großartigen Anblick. Unzählige Enten und Tauchervögel bewegen sich zwischen den Blättern, vor allem Haubentaucher und Zwergtaucher. Diverse Reiher tauchen auf und verschwinden wieder: Silberreiher, Rallenreiher, Graureiher. Mein Bestimmungsbuch packe ich erst gar nicht mehr ein, es bleibt aufgeschlagen auf meinem Schoß liegen.


Gestern nahm ich an einer geführten birding - Tour teil und habe mir gemerkt, wo sich die besten Beobachtungsplätze befinden - vor allem für den Star dieses Nationalparks: Den Krauskopf-Pelikan.
Daher weiß ich, dass ich erst unter der Straßen- und Eisenbahnbrücke durch muss, welche den flachen westlichen Seebereich vom Hauptteil trennt. Hier bewachen die Ruinen eines Forts die Seeufer: Festung Lesendro, die der montenegrinische Fürst Petar II Petrovic im Jahr 1843 zum Schutz gegen die Osmanen errichten ließ. In diesem Bereich war gestern vom Tour-Boot aus 
einiger Entfernung ein Pelikan zu sehen, also paddle ich vorsichtig durch die schilfigen Uferbereiche. 
Fortress Lesendro
Eine steinige Uferstelle ermöglicht das Anlegen. Die Festung ist verlassen - kein Eintrittskiosk und keine Menschenseele weit und breit. Auf einige verfallene Türme kann man hinaufklettern, der 360 `Blick über den See ist atemberaubend. Smaragdgrüne Eidechsen huschen zwischen den alten Mauern umher. Da bemerke ich plötzlich in einiger Entfernung einen riesigen weißen Fleck auf einem schwimmenden Baumstamm. Es gibt hier nur eine Vogelart dieser gewaltigen Größe. Ich versuche mir die Stelle zu merken und haste zu meinem Kajak zurück. Ein Blick durch das Fernglas zeigt tatsächlich einen mächtigen Pelikan. Die neben ihm hockenden Kormorane wirken dagegen wie Zwerge.
Krauskopfpelikan am Skadarsee






Die Lady bei der Kajak-Ausgabe hat uns eingeschärft, sich den Pelikanen nicht näher als bis 50 m zu nähern, um diese streng geschützten, scheuen Vögel nicht unnötig zu stressen. So lasse ich mich treiben und beobachte das Tier lange durch mein Fernglas. Wenn es den Kopf dreht, lassen sich die namensgebenden, abstehenden Federbüschel gut erkennen. Dann dürfte mich der Vogel plötzlich wahrgenommen haben, er lässt sich majestätisch ins Wasser gleiten und erhebt sich bald danach schwerfällig in die Luft. Dabei wirkt er noch riesiger und das Flattern der mächtigen Schwingen verursacht geradezu einen Höllenlärm. 200 m entfernt landet er neben einem weiteren großen weißen Fleck - noch ein Pelikan. Ich rudere ihm nach, halte diesmal aber einen größeren Abstand ein. Die Beobachtung dieser seltenen Tiere , im eigenen Kajak ohne jeglichen Zeitdruck, vor dem naturbelassenen, beinahe exotisch erscheinenden Hintergrund der Seerosenfelder und grünen Karsthügel an den Ufern - so sollte in meiner Vorstellung ein Nationalpark idealtypisch erlebt werden können.  Kurz gesagt - der Skadarsee ist tatsächlich ein besonderes Naturparadies. 
Im flacheren, westlichen Teil des Skadar-Sees











Bewertung:

Größe:   6
Bedeutung/Naturschutz:   9
Highlights:   9
Wildnis - Faktor:   8
Service:   7
Öffis:   8

Meine Bewertung:    7 , 8

Das Gebiet:  Die Oberfläche dieses größten südeuropäischen Binnengewässers schwankt je nach Wasserangebot und Jahreszeit gewaltig - zwischen 370 und 530 km2. Etwas mehr als die Hälfte des Sees liegt in Montenegro und hat dort den Status eines Nationalparks der IUCN - Kategorie II, den restlichen Teil besitzt der Nachbarstaat Albanien mit der an seinem Ufer erbauten Großstadt Shkodra.  Am montenegrinischen Ufer liegen dagegen nur kleine Orte, der größte und einzige mit Infrastruktur ist Virpazar.  Den wichtigsten der wenigen oberirdischen Zuflüsse bildet die Moraca, der einzige Abfluss zur Adria heißt Buna. Aber auch unterirdische Quellen speisen den Skadarsee, möglich wird dies durch die durchgehend verkarstungsfähigen Grundgesteine der Region. Insgesamt handelt es sich um ein sehr seichtes Gewässer, die durchschnittliche Tiefe beträgt nur 7 m. Allerdings befinden sich einige der unterirdischen Quellen in 30 m Tiefe, sie liegen damit unter dem Meeresspiegel der nahen Adria - das nennt sich dann "Kryptodepression".
An den Ufern verhindern zumeist großflächige Schilfdickichte den freien Zugang, riesige Seerosenfelder bilden geschützten Lebensraum für eine Unzahl von Wasservögeln.  Berühmt ist dieser Nationalpark vor allem für eine kleinere Population des Krauskopf-Pelikans. Das wichtigste Säugetier an seinen Ufern ist der Fischotter, der hier tatsächlich noch zahlreich vertreten ist. Beim Wandern in den Karsthügeln ringsum ist ein wenig Vorsicht angebracht, hier hat neben vielen harmlosen Nattern auch die giftige Hornotter ihr Habitat.
Die Ufer sind fast unverbaut, die Flora wuchert vor sich hin, die Tiere - vor allem Vögel - haben  hier noch einen sicheren Lebensraum. Den einzigen Wermutstropfen bildet das unübersehbare Müllproblem Montenegros. Überall trifft man auf wilde Müllkippen, auch im Nationalpark schwimmen Plastiktüten und PET-Flaschen herum. 
Fachkundige Guides begleiten die "birding" Touren




Service und öffentliche Erreichbarkeit:  Vor allem für "birdwatcher" bietet das Dorf Virpazar eine gute Infrastruktur: Ornithologische Bootsfahrten mit einheimischem Guide oder Mietkajaks zur selbständigen Erkundung. Ich kann die Agenturen "Kingfisher" und "Pelican tours" empfehlen.  Für eine Kajakfahrt rate ich außerdem zu schnell trocknender Kunststoffbekleidung - Wasser schwappt unvermeidlich rein und Jeans trocknen seeeehr langsam...
Die Hotels des Ortes haben keine guten Bewertungen, aber das Angebot an Privatwohnungen in der Umgebung ist groß und günstig. Mein Tip: B&B Ana in Bahnhofsnähe, 15 Minuten Fußmarsch vom See entfernt. 
Partisanen-Mahnmal in Virpazar
In Montenegro gibt es praktisch nur eine einzige Bahnlinie (Serbische Grenze-Podgorica-Bar) , die Trasse führt jedoch genau am Skadarsee vorbei und bietet daher eine problemlose, kostengünstige Anreise mit den Öffis. Nach Podgorica oder das an der Adria gelegene Bar fährt man jeweils 40 Minuten. Das südöstliche Seeufer Richtung albanische Grenze mit seinen tollen Ausblicken und einigen orthodoxen Klöstern auf vorgelagerten Inseln ist dagegen leider nicht öffentlich zu bereisen.  Genau wie zu einigen schönen Panoramapunkten in den Hügeln westlich des Sees ist man auf Mietwagen, Fahrrad oder Fußmärsche angewiesen.

Der Krauskopf - Pelikan

mit dem lateinischen Namen "pelicanus crispus" ist heute ein in Europa sehr seltener Wasservogel. Diese Art gehört mit bis zu 180 cm Kopf-Rumpflänge und bis 345 cm (!) Flügelspannweite zu den größten flugfähigen Tieren überhaupt. Er ist jedoch für sein Volumen überraschend leicht und wiegt lediglich 10 - 12 kg, ansonsten wäre es nichts mit fliegen..
Seine Hauptspeise sind Fische, dazu pflügt er mit seinem gewaltigen Schnabel die Wasserfläche und füllt seinen enorm erweiterbaren Kehlsack mit Fischen und Wasser. 
Hauptsächlich lebt dieser Vogel in Afrika südlich der Sahara und in Asien, innerhalb Europas gibt es weitere ganzjährige Populationen im Donaudelta, im nahen Prespasee (Nordmazedonien) sowie im nördlichen Griechenland. 
Krauskopf-Pelikan (Bild: Internet)






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